Protokoll des Treffens mit Experten vom 09.10.2018

Die BILD-Zeitung porträtiert dieser Tage den CDU-Veteranen Wolfgang Bosbach als „Kanzler der Herzen“. Für Menschen wie Hajo Schumacher ein Graus – und gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, wie Politiker es verstehen, als Menschen und nicht wie abgehobene Außerirdische wahrgenommen zu werden. „Sie wissen, was sie zu sagen haben, um sich den Applaus abzuholen“, so Schumacher beim jüngsten PPD-Expertengespräch. Tatsächlich habe Bosback nie ein Gesetz auf den Weg gebracht, nie eine Mehrheit bekommen und nie politische Inhalte verkörpert, so das Urteil des Journalisten. „Aber die Methode Bosbach funktioniert.“

„Schick und verständlich – die Medienpräsenz der Parteien ist kein Zufallsprodukt“, lautete das Motto des Expertengesprächs, bei dem Hajo Schumacher vor einem gut gefüllten Club der polnischen Versager und mitverfolgt von 2000 Zuschauern im Internet charmant und unterhaltsam aus seinem Erfahrungsschatz berichtete. 

Schumacher, Jahrgang 1964, hat in eigener Anschauung miterlebt, wie das Raumschiff Bundestag einst in Bonn gestartet war, um in Berlin zu landen. Von der Hoffnung des jungen Journalisten, dass Politik nun endlich wieder nah an den Menschen stattfinde, musste er sich jedoch bald verabschieden.

„Die Medienresonanz wird als Realität wahrgenommen, das ist die Währung, mit der gemessen wird“, so Schumachers Urteil. Heißt konkret: Was schreiben die Kommentatoren von Süddeutscher Zeitung oder FAZ? Wo stehe ich auf der Spiegel-Liste der beliebtesten Politiker? „Den Kontakt zum Volk haben diese Politiker am ehesten durch ihren Fahrer“, meint der PPD-Experte.

Die Häufigkeit, mit der über Politiker geschrieben wird, ist ein Pfund, mit dem sie wuchern können. Phasenweise sind so regelrechte Polit-Stars entstanden. Glamourösestes Beispiel: Karl-Theodor zu Guttenberg. Der habe sich in den Augen von Schumacher als regelrechtes Gesamtkunstwerk installiert. Auch der Ex-Bundespräsident Christian Wulff habe mit seiner Gattin Bettina ähnliches probiert. „Langfristig hat das nie funktioniert, aber es kann durchaus sein, dass das Pendel zurückschwingt und wir uns nach mehr Glamour in der Politik sehnen“, so Schumacher.

Von Angela Merkel wird dieser wohl nicht ausgehen. Die Kanzlerin aber sei laut Schumacher im Umgang mit den Medien ein Prototyp der Lernenden. Ende der 90er-Jahre, in der Zeit des Bruchs mit Helmut Kohl, sei sie eine relativ offene Person gewesen, heute wiederum total abgekapselt, das Kanzleramt eine Burg und wer quatscht, werde einen Kopf kürzer gemacht.

Um aufzusteigen, braucht ein Politiker die Medien. Doch nicht alles spielt sich im grellen Licht der Öffentlichkeit ab. Hajo Schumacher attestiert dem Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten einen gewissen Sadomaso-Charakter, ein Geben und Nehmen. Der eine kriegt den Stoff den er braucht, ein knackiges Zitat, eine würzige Aussage, der andere die Bühne, die er braucht, um Bekanntheit zu erlangen. 

Selbstkritisch fragte Hajo Schumacher am Ende jedoch auch: Muss man das alles mitmachen? Lässt man sich missbrauchen? Verspielt man auf der Jagd nach Auflage, Clicks und Likes Vertrauen und Verantwortung? Es sind Gedanken, die auch nach diesem Abend fortbestehen werden. 

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Herrn Hajo Schumacher für das äußerst interessantes und gleichsam unterhaltsames Gespräch über die Medien und die Politik. Es war ein wunderschöner Abend, an den wir noch lange zurückdenken werden. Nachzuschauen gibt es das Video hier: http://polnischepartei.de/schick-und-verstaendlich-die-medienpraesenz-der-parteien-ist-kein-zufallsprodukt/