Protokoll des Treffens mit Experten vom 09.05.2018

Das Skelett: Über die inneren Strukturen einer Partei – Expertengespräch mit Prof. Dr. Gesine Schwan

Dafür, dass sie nie die Ochsentour durch die Parteiinstitutionen angetreten hat, ist Gesine Schwan erstaunlich weit gekommen: zweimal Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und heute Vorsitzende der Grundwertekommission der SPD. Wie man es so weit schafft? „Sie müssen einfach nur einen langen Atem haben und lange genug leben.“

Fast alle Plätze im Club der polnischen Versager waren besetzt, als die renommierte Politikwissenschaftlerin beim jüngsten PPD-Expertengespräch über ihre Karriere und ihre Partei sprach. Dabei legte sie Wert darauf, im Laufe ihrer Karriere stets ihre Unabhängigkeit bewahrt zu haben. „Ich bin verbeamtet auf Lebenszeit, mir kann keiner was“, stellte sie zur Erheiterung des Publikums klar und verwies darauf, dass sie – anstatt sich Stufe für Stufe in der Partei hochzuarbeiten –als unabhängige Politikwissenschaftlerin „von außen geschossen“ hat.  

Doch wieso eigentlich SPD? Schwan, Jahrgang 1943, wächst in einem politischen Elternhaus auf. Ihre Eltern, ehemalige Widerstandskämpfer, impfen den Kindern schon früh politisches Bewusstsein ein. Am Französischen Gymnasium Berlin legt sie ihr Abitur ab, während des Studiums lernt sie Polnisch. Ihre Dissertation schreibt sie über den polnischen Philosophen Leszek Kołakowski. 

In die Partei eingetreten ist sie allerdings erst Anfang der 70er-Jahre während der Brandt-Ära. CDU und FDP waren für sie „der Horror“ und von vornherein keine Option. „Verständigung in Europa, auch nach Osten, das war die Botschaft der SPD“, begründete sie ihre Entscheidung für die Sozialdemokraten.

„Demokratie braucht Parteien und Willensbildung muss organisiert sein“, so Schwan, die selbst nie eine Parteikarriere angestrebt hat. Eine Parteimitgliedschaft sieht sie als Vehikel, um sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Das Einwirken auf die öffentliche Meinungsbildung sei ihr Motiv für den Parteieintritt gewesen. Doch stellte sie auch klar, dass man Parteien nicht über einen Kamm scheren könne. 

Während die bürgerlichen Parteien über mehr Geld verfügten und sich als „Kanzlerwahlverein“ gefielen, handele es sich bei linken Parteien um programmatische Parteien. Wichtig dabei seien Gegenpositionen und Debatten, weshalb die SPD schon immer eine Opposition in der eigenen Partei hatte. „Die Balance zwischen freiheitlichem Denken und Disziplin ist sehr schwer“, gab Schwan zu bedenken. 

Durch alle PPD-Expertengespräche zieht sich ein roter Faden, den auch Gesine Schwan weiterspann: das Geld. Sobald eine Partei abhängig vom Geld werde, gebe es Probleme. Der PPD rät sie daher, so viele Mitglieder zu werben, dass nicht alle abhängig vom Geld und gut bezahlten Posten sind. Zudem wies sie auf die Öffentlichkeit außerhalb der Partei als einen wichtigen Machtfaktor hin. 

Und einen Rat für ihre eigene Partei hatte sie am Ende auch noch parat: „Der würde es gut tun, wenn die Öffentlichkeit den Eindruck hat, dass es dort Menschen gibt, die sagen, was sie denken.“ 

Auch das können wir uns merken.