Protokoll des Treffens mit Experten vom 08.11.18

Hoher Besuch bei der PPD. Zum Expertengespräch des Monats November beehrte uns niemand geringerer als Grünen-Urgestein Jürgen Trittin. Als Vertreter einer Partei, die man wohl wie kaum eine andere mit Flügelbildung assoziiert, schien er uns der geeignete Gesprächspartner für unser Thema des Monats: „Realos oder Fundis – wie entstehen Flügelbildung und interne Machtverschiebungen?“

Wenn sich Jürgen Trittin an die Anfangsjahre der Grünen zurückerinnert, sieht er vor seinem geistigen Auge keine Flügel, sondern fast witzige Allianzen. Die Partei damals sei ein regelrechtes Konglomerat gewesen, in dem sich Linksradikale ebenso wiederfanden wie abtrünnige CDU-ler und stramme Deutschnationale.

Je ernster es jedoch mit der Partei voranging, umso mehr strafften sich die Strukturen. Trittin erinnert sich an den Parteitag 1991 in Neumünster – die westdeutschen Grünen waren erst ein Jahr zuvor aus dem Bundestag geflogen –, bei dem die Fundis von den sogenannten Regierungslinken aus der Partei gedrängt wurden.

„Der Grundkonflikt war damit erledigt, aber die Flügel existierten weiter“, so Trittin. So habe man sich etwa mit wahren Blut-und-Boden-Ökologen einlassen müssen, mit Menschen also, mit denen man nie zu tun gehabt hatte. Dass sich die Partei aus einer derartigen Pluralität herausgebildet hat, komme ihr laut Trittin heute zugute. Denn so seien die Grünen für breite Kooperationen von der CDU bis hin zur Linken in der Lage.

Für Jürgen Trittin sind Flügel innerhalb einer Partei in erster Linie ein Instrument der Stabilisierung. Sie sorgen dafür, dass es nicht zu einer einseitigen Radikalisierung kommt. Die Funktion von Parteiflügeln illustrierte er zudem mit dem Bild einer Taube. „Eine fette Taube kann nicht fliegen ohne Flügel, aber ihr Schwerpunkt liegt in der Mitte“. Oder auf die politische Alltagsarbeit gemünzt: „Kein Flügel für sich kann Mehrheiten organisieren, Entscheidungen werden immer in der Mitte getroffen.“ Sollten die Flügel allerdings überheblich werden und glauben, sie könnten allein fliegen, hat das in der Ansicht Trittins nur eine Folge: „Dann fallen sie auf die Schnauze.“

Gespannt beobachtet der Grünen-Politiker derzeit den Kampf um die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Chefin. Denn nun zeige sich an den Kandidaten Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz, dass auch in einer Partei wie der CDU verschiedene Strömungen existierten. Eine Prognose, wer die aussichtsreichsten Chancen habe, traue er sich allerdings nicht zu.

Wie die Wahl auch ausgehe, glaubt Trittin nicht daran, dass den Volksparteien allgemein eine Zukunft beschieden sei. Diese seien ein Produkt der Nachkriegszeit und stünden heute vor der Auflösung. Dass etwa eine Partei wie die SPD wieder an die 40 Prozent herankommt, hält er für ausgeschlossen. Vielmehr sieht er ein Parteiensystem mit 3-4 mittelgroßen Parteien, die gemeinsame Werte und Interessen teilten. Und zu diesen Parteien könnten in seiner Ansicht auch die Grünen gehören.

Wir danken Herrn Jürgen Trittin für einen großartigen Abend! Nachzusehen gibt es das Video hier: http://polnischepartei.de/realos-oder-fundis-wie-entstehen-fluegelbildung-und-interne-machtverschiebungen/